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Die Sendemanuskripte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig.

© Axel Gauster/Nell-Breuning-Haus

 

... Interview Angela Suchan Reinhardt Radiofeature Sendemanuskript

... Interview Helga Jungheim Radiofeature Sendemanuskript

... Interview Antonio Brandao Guedes Radiofeature Sendemanuskript

 

 

Interview Angela Suchan Reinhardt

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Sende-Manuskript

Interview (Radiofeature) mit Angela Suchan Reinhardt

in Herzogenrath/Deutschland Februar 2020

 

 

 

Sprecher

Digitalisierung und psychische Belastung am Arbeitsplatz – ein vernachlässigter Aspekt im sozialen Dialog?‘ So der Titel des europäischen Seminars im Februar 2020 im Nell-Breuning-Haus aus Herzogenrath/Deutschland. Das ist auch für die Organisation zuständig. Zirka fünfzig Teilnehmende aus acht Ländern der Europäischen Union versammeln sich zu diesem Seminar des Europäischen Zentrums für Arbeitnehmerfragen EZA. Gespräche, Theorie, Praxis, Workshops, Länderberichte, Reflexionen und Referate.

Psychische Belastung am Arbeitsplatz – Theorie und Prävention‘ ist der Titel des Hauptreferats von Angela Suchan Reinhardt, Psychologische Managementtrainerin und betriebliche Gesundheits-Coachin. Die psychischen Erkrankungen nehmen rasant zu. Woran liegt das denn?

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Worauf dieser Anstieg begründet ist, kann man nicht ganz eindeutig sagen. Es gibt viele verschiedene Modelle und Theorien. Schlussendlich wird man wahrscheinlich eine Mischung aus vielen verschiedenen gesellschaftlichen Veränderungen fest stellen. Natürlich ist die Arbeitwelt auch ein Teil der Gesellschaftswelt so zu sagen.Die Digitalisierung hat halt unser ganzes Leben schon bereits vor zehn Jahren begonnen zu verändern. Schon diese Anfänge haben uns ganz offenbar sehr überfordert, so dass wir im Moment häufiger als vorher auf jeden Fall mit psychischen Erkrankungen zu tun haben. Und auch unsere Gesundheit in diese Richtung neu ausrichten.

 

Sprecher

Es gibt verschiedene Definitionen zur psychischen Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine eigene. Deutschland hat auch eine eigene. Warum? Angela Suchan Reinhardt.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Die Definition zur Gesundheit der WHO ist halt wirklich eine sehr utopische. Dieses vollständige Wohnbefinden, sozial, körperlich, geistig und vielleicht sogar noch seelisch, das haben wir alle nicht. Ich habe im Moment Hunger und bin damit schon nicht mehr gesund, weil nicht mehr ganz in meinem Wohlbefinden. Die Deutschen haben diese DIN-Norm entwickelt. Das war sehr wichtig damals. Weil eben die Bearbeitung in der Arbeitswelt viel einfacher wurde. Wie gesagt. Wir haben so ein bisschen eine Tabuzone verlassen. Über Belastung zu sprechen war noch vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten einfach nicht chic, nicht denkbar und auch nicht gut. Weil wenn man dem Arbeitgeber sagt, dass man gestresst ist, dann mutet der einem vielleicht nicht ganz so viel zu oder entlässt einen als Erstes. Also damit waren schon sehr viele Ängste verbunden. Da ist ein neues Selbstbewusstsein gewachsen. Aber wir haben auch ganz klar gesagt: ‚Wir wollen den individuellen Zustand der Psyche überhaupt nicht betrachten. Sondern wir wollen nur gucken, was wirkt denn von Außen auf die Seele der Mitarbeiter.‘

 

Sprecher

Die menschliche Psyche ist doch sehr individuell. Wie wird denn da verallgemeinert? Angela Suchan Reinhardt

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Ja es ist – denke ich – aus anderen Gründen auch einfach klüger und es lässt sich einfach besser damit arbeiten, wenn man mit einem Kollektiv arbeitet. Also erst einmal haben wir kein Vertrauen, um individuell überall über unsere seelische Gesundheit zu sprechen. Das Zweite ist natürlich, dass man als Arbeitgeber kaum Zeit und Geld investieren kann, um jeden einzelnen Mitarbeiter daraufhin zu überprüfen, ob er seelisch gesund ist oder in welchem seelischen Zustand er sich gerade befindet. Das ist eine Kostensache. Und es ist natürlich auch eine Arbeitsprozessperspektive die man da hat. Also welcher meiner Arbeitsprozesse – denkt der Arbeitgeber dann vielleicht – müsste überarbeitet werden oder neu gedacht werden.

 

Sprecher

Das betriebliche Gesundheitsmanagement ist also eine Kostenfrage. Für kleine Firmen sind die oftmals zu hoch. Wie managen die das? Angela Suchan Reinhardt.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Zum Einen ist es so, dass Jeder etwas tun kann. Nämlich erst einmal mit seinen Leuten reden. Und fragen ob die einen Bedarf haben. Und wenn ja – wozu? Was möchten die? Und der kleine Handwerksmeister mit seinen drei Angestellten oder drei Teilzeitangestellten kann vielleicht auch das Fitnessstudio sponsern, wo die Drei immer wieder zusammen hingehen. Oder eben einen Jogakurs stiften oder wo halt eben die Interessen liegen. Aber es gibt auch sehr gute Programme, die von den Berufsgenossenschaften und Krankenkassen mittlerweile angeboten werden. Eben auch gerade für kleinere Unternehmen. Es gibt auch verschiedene Quartiers-Angebote von kleinen Unternehmen häufiger in der ländlichen Region.

 

Sprecher

Wichtig sei die Kreativität in Zukunft. Das Wohlbefinden. Nun haben sie das Wort ‚Glück‘ genannt. Glück ist ja eigentlich eine philosophische Definition des Westens, obwohl es das in der griechischen Antike auch schon gab. Aber wir sprechen alle über das individuelle Glück. Und eigentlich ist es ja ein Wohlbefinden. Das Wort ‚Glück‘ wird oft strapaziert. Angela Suchan Reinhardt.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Meiner Meinung nach noch nicht genug. Gerade diese Öffnung auch in – von mir aus der philosophischen Welt oder östliche Weisheit oder östliche Lebensart. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass gerade da Lösungen für unsere offenen Fragen liegen können. Und bin auch selber praktizierend in Meditation. Und ich mache auch Yoga. Ich merke halt selber auch, wie wichtig das ist, wenn ich einen anstrengenden Tag hatte, mit vielen Menschen kommuniziert habe. Das ich selber auch wieder zurück in meine eigene Mitte komme, in mein individuelles Gleichgewicht. Und das muss ich erst einmal finden. Das heißt ich brauche vor allem Selbstbewusstsein im besten Sinne. Ich muss über mich Bescheid wissen wissen. Ich muss selbst Fürsorge walten lassen und dann darf ich auch für mich selbst Verantwortung übernehmen. Das sind alles Merkmale, die man in der zukünftigen Arbeitswelt sehr gut gebrauchen kann.

 

Sprecher

Es gibt vier Bereiche aus der Arbeitwelt, die zu einer psychischen Belastung führen. Angela Suchan Reinhardt.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Das ist zum Einen der Arbeitsinhalt und die Arbeitsaufgabe. Des Weiteren die Arbeitsorganisation. Dann die sozialen Beziehungen und die Arbeitsumgebung. Das ist mehr oder weniger so aus der Forschung gewachsen, die man differenziert betrachtet und die ihre eigene Wirkung auf die seelische Gesundheit haben. Und auch unterschiedlich bearbeitet werden müssen.

 

Sprecher

Das ist aber auch fließend? Angela Suchan Reinhardt.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Es ist ein Modell. Ja. Da gebe ich ihnen Recht. In der praktischen Arbeit ist es nie klar differenziert oder sehr sehr selten. Es ist eher ein Gemisch aus Allem und noch viel mehr. Es dient einfach auch der einfacheren Bearbeitung. Also soziale Beziehungen. Wie reden wir mit einander? Wie streiten wir mit einander? Wie gehen wir überhaupt mit einander um? Was bedeutet Wertschätzung, Achtsamkeit, Resilienz im Alltag? Das sind alles Begriffe, die natürlich bei der Arbeitsorganisation oder bei der Arbeitsaufgabe oder sogar in der Arbeitsumgebung eine Rolle spielen können.

 

Sprecher

Work-Life-Blending. Was ist das?

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Ja work-life-blending ist quasi ein futuristisches Wort für die absolute Verschmelzung von der Zeit, der Arbeitszeit und der restlichen Lebenszeit. Es ist auch ein Modell. Es hat schon vor vielen Jahren angefangen, dass wir diese work-life-balance–Trennung, also zwischen Arbeitszeit und Lebenszeit aufgeben mussten. Weil sie einfach nicht praktikabel war und auch letztlich bedeutete, dass meine Arbeitszeit keine Lebenszeit ist. Und so ist das Leben auch erst einmal an den Arbeitsbereich gekommen. Grundsätzlich ist es so, dass wir ja – wenn wir die Menschheit etwas weiter zurück betrachten, es früher auch keine Trennung gab. Und wenn wir heute zum Beispiel landwirtschaftliche Unternehmen angucken, gibt es die bis heute nicht. Also es ist auch so ein bisschen ein natürlicher Verlauf unter Umständen, dem wir uns wieder annähern. Und deshalb fühlt es sich auch für viele Menschen gar nicht so schlecht an. Es ist nicht gut im Moment. Aber das liegt eher an dem Medium Digitalisierung, die das verändert. Aber grundsätzlich das Rollendenken oder das An- und Abschalten von Emotion, von Fachkenntnissen, von ‚wer bin ich‘. Es ist vielleicht auch nur für einhundert oder einhundertfünfzig Jahre gut für uns gewesen.

 

Sprecher

Die Digitalisierung fördert die so genannte Schwarmintelligenz. Wie geht das denn? Angela Suchan Reinhardt.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Die Digitalisierung ist ja letzten Endes auch eine Spezialisierung. Also Menschen werden immer mehr Spezialisten für bestimmte Bereiche in dieser technischen Welt. Aber alleine können wir nichts bewirken. Das heißt wir werden immer mehr den Anderen brauchen. Wenn Sie selber zu Hause an ihren Rechner denken, wissen Sie das vielleicht auch schon. Sie brauchen vielleicht Einen, der sich mit dem Betriebssystem auskennt. Einen, der die Software gut bedienen kann. Und dann brauchen Sie vielleicht noch einen Dritten, der Ihnen das Telekomkabel richtet. Also wir brauchen auch jetzt schon immer mehr Leute. Und diese Schwarmintelligenz bedeutet halt wirklich, wir leben in der Revolution, wo es um Informationen geht. Und keiner weiß so viel wie Alle. Wir alle zusammen wissen das, was die Lösung sein kann.

 

Sprecher

Denn ansonsten ist es ja eher Arbeitsteilung, die es immer schon gab. Also es ist noch ein anderer Faktor, der hier hinzu kommt.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Richtig. Also wenn man es sehr optimistisch und vielleicht auch ein bisschen blauäugig interpretiert, fördert die Digitalisierung letzten Endes eventuell die Solidarität unter einander.

 

Sprecher

Sie haben gesagt, dass die Betriebsräte da eine ganz besondere und wichtige Rolle spielen, weil die natürlich ganz nah am arbeitenden Menschen sind.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Ich denke, dass wir auch zukünftig eher mit einander in eine Richtung arbeiten werden und sollten als gegen einander. Ich glaube die Zeit der großen Kämpfe gegen Arbeitgeber oder für Arbeitgeber, die läutet in der letzten Runde. Ich denke, dass wir gemeinsame Ziele formulieren sollten. Das ist gesünder für uns. Und das wird auch nicht mehr anders möglich sein in der neuen Zeit.

 

Sprecher

Das betraf jetzt die so genannte Gefährdungsbeurteilung in einem Unternehmen. Da gilt es Vertrauen schaffen und Misstrauen verhindern. Da gibt es ja verschiedene Maßnahmen aus der Praxis. Zum Beispiel ...

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Teamworkshops als Maßnahme zur psychischen Gefährdungsbeurteilung. Ich denke, dass man in kleinen Arbeitseinheiten die psychische Gesundheit gesondert betragen muss, um auch eben gleichzeitig parallel das soziale Miteinander zu fördern. Oder eben halt auch eventuell Probleme zu erkennen, die sich daraus ergeben. Die Teams an sich habe ich kennen gelernt als sehr pro aktiv. Also gerne möchten Menschen ihre eigenen Situation am Arbeitsplatz im Team verbessern. Und letzten Endes sind sie die Profis ihre Arbeitsplätze. Insofern lohnt es sich da auch mit einander zu arbeiten.

 

Sprecher

Wenn diese Gefährdungsbeurteilung nicht gemacht wird, so gibt es eine Strafe. Und die ist in den Ländern der Europäischen Union ganz unterschiedlich. Angela Suchan Reinhardt.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Wir leben in einer sehr dynamischen Welt. Und Arbeitgeber sind häufig in mehr als einem Land unterwegs. Und können sich natürlich auch schnell bewegen. Also es kann schnell Filialen oder Fertigungsteile geben, die woanders gefertigt werden. Und es ist halt für alle einfacher, wenn es überall stimmige Regelungen gibt. Das Zweite ist, ich denke, dass

es auch wichtig ist für das Bewusstsein als Europäer in Europa zu sagen: ‚Bei uns in Europa ist es so, dass der Arbeitsschutz auch im Bezug auf die seelische Gesundheit von Mitarbeitern eine so hohe Rolle spielt, dass wir uns geeinigt haben auf eine gesonderte Abfolge von Gesetzen, Prüfungen und dann eben auch Sanktionen letzten Endes.

Sprecher

Agile Organisation. Das ist ja etwas völlig Neues.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Agile Organisation, also die Transformation von Organisation in Agilität ist eine Entwicklung, die bereits läuft und die bereits auch erfolgreich läuft. Im IT-Bereich gibt es das schon lange. Und daher kommt es eben auch – die Agilität. Hängt mit der Digitalisierung einfach zwangsläufig zusammen. Auch wegen der Intelligenzen, von denen ich gerade schon sprach. Letzten Endes ist es so, dass Agilität erst einmal etwas mit Vertrauen zu tun hat und mit Selbstbewusstsein. Also wir müssen die Menschen selbstbewusster machen. Sie müssen Kenntnisse über ihre Fähigkeiten haben. Auch über ihre persönlichen Fähigkeiten. Wie zum Beispiele persönliche Kompetenzen, Resilienz, Führungsfähigkeit und so weiter. Und dann werden alle Menschen auch agil sein können.

 

Sprecher

Viel ist über de Risiken der Digitalisierung gesprochen worden. Aber wo Schatten, da ist Licht. Wo sind denn die Chancen in der Digitalen Arbeitswelt von heute und morgen? Angela Suchan Reinhardt.

 

O-Ton Angela Suchan Reinhardt

Ich denke, dass die Digitalisierung erst einmal unser Leben sehr erleichtern wird. Bei allen Gefahren muss man betrachten, dass die Menschheit sich einfach in einen Bereich entwickelt hat, wo eventuell Arbeit nicht mehr für jeden Menschen unbedingt notwendig sein wird. Das heißt wir werden vielleicht viel mehr Zeit haben für uns, für das Leben, um das Leben zu genießen, für Ehrenämter, für Freizeitgestaltung, für Liebe, für unsere Beziehungen, für unsere Familien. Und das ist ja erst einmal etwas sehr Gutes. Wenn wir wieder weniger arbeiten als den letzten einhundert Jahren.

 

 

Interview Helga Jungheim

 

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© Axel Gauster/Nell-Breuning-Haus

 

Sende-Manuskript 

Interview (Radiofeature) mit Helga Jungheim

in Herzogenrath/Deutschland Februar2020

 

 

Sprecher

Digitalisierung und psychische Belastung am Arbeitsplatz – ein vernachlässigter Aspekt im sozialen Dialog?‘ So der Titel des europäischen Seminars im Februar 2020 im Nell-Breuning-Haus aus Herzogenrath/Deutschland. Das ist auch für die Organisation zuständig. Zirka fünfzig Teilnehmende aus acht Ländern der Europäischen Union versammeln sich zu diesem Seminar des Europäischen Zentrums für Arbeitnehmerfragen EZA. Gespräche, Theorie, Praxis, Workshops, Länderberichte, Reflexionen und Referate.

New work – Veränderungen in der Arbeitswelt‘ ist der Titel eines Referats von Helga Jungheim, Gewerkschaftssekretärin der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di aus Aachen. Was ist zum Beispiel Flexibilität und Agilität im Rahmen der neuen Arbeitsplätze.

 

O-Ton Helga Jungheim

Wir haben fest gestellt, dass in der Praxis, also sowohl von Arbeitnehmer- als auch von Arbeitgeber- oder Entscheiderseite die Begriffe häufig verwechselt werden. Unterschiedlich benutzt werden. Und sich dadurch die Zusammenhänge und Hintergründe vermischen. Sind aber zwei unterschiedliche Beschreibungen. Flexibilität ist den meisten Menschen dann auch bekannt. Da geht es um schnelles wechseln oder überhaupt von verändern von vorher starren Regelungen und Einteilungen. Also Veränderungen der Arbeitszeit, Veränderung des Arbeitsortes, Veränderung der Art und Weise, wie man arbeitet und wo man sie verrichtet. Das heisst also mit dem Laptop jetzt im Auto oder an der Baustelle. Rufbereitschaftszeiten werden arber ausgeweitet als eine normale Tätigkeit auf Bedarf und auch an verschiedenen Orten.

 

Sprecher

Dann gibt es noch einen anderen Begriff, der oft mit der Flexibilität vermischt wird. Die so genannte Agilität. Helga Jungheim.

 

O-Ton Helga Jungheim

Bei der Agilität geht es aber eher um die Form der Arbeit und nicht um die Frage: arbeite ich jetzt mit dem PC oder an der Maschine oder im Büro. Sondern da geht es darum, dass in kleinen Projekten, kleines Thema, kleine Gruppe und da eben verschiedene Fähigkeiten und Möglichkeiten eher im Diskurs, also Gesprächsverlaufsform weiter entwickelt und bearbeitet werden. Und dann, so zu sagen, auch das Ziel sich ändern kann. Also es gibt eine grobe Richtung sagen wir einmal: ‚Entwerfen sie ein besseres Produkt für die Lösung B.‘ Dann setzt eine Gruppe sich zusammen aus Technikern, Ingenieuren, Arbeitern, Sekretärinnen, was auch immer dann dort im Betrieb ist. Und guckt sich an was gab es vorher, macht eine Analyse und arbeitet dann an kleinen Stellschrauben. Und so kann durch ganz viele kleine Stellschrauben oder auch nur einmal eine Stellschraube letztlich sich aber an dem Produkt sehr schnell etwas verändern. Sehr agil, flexibel, schnell. Im Gegensatz zu früher. Da gab es dann die Pyramidenform, die Hierarchie, wo oben ein Chef gesagt hat: ‚Wir wollen jetzt neben Produkt A auch ein Produkt B, weil es eine Marktanalyse gab.‘ Und dann hat er das herunter gebrochen auf seine Ingenieure. Und die mussten dann entwickeln, was dann die Arbeitenden oder Zuarbeitenden dann zu tun hatten. Das war auch eine klare Ansage von oben nach unten.

 

Sprecher

Und was ist jetzt daran so neu bezogen auf new work – Veränderungen in der Arbeitswelt? Helga Jungheim.

 

O-Ton Helga Jungheim

Die Hierarchien ändern sich in diesem agilen Arbeiten. Jeder Beteiligte wird zum selbst verantwortlich agierenden Objekt mit den entsprechenden Gefahren. Es ist ja eine Entlastung, wenn mir jemand sagt, was ich zu tun habe. Es ist fordernder, wenn ich kreativ meine Potentiale einbringe, ist das für die Wertschätzung gut, aber es ist eben auch anstrengender. Und daraus resultieren dann eben in der Folge verschiedene Fragen und Probleme, die dann von den Akteuren auch jetzt betrachtet werden müssen. Stresszunahme beispielsweise überlappender Projekte erhöhen natürlich den zeitlichen Stress. Man hat erkannt, dass mehr Menschen mehr wissen. Ist ja eine Binsenwahrheit. Es wurde aber in den Betrieben oft nicht umgesetzt. Weil also sehr kleine Betriebe waren sehr oft Familienunternehmen. Da war der Vater oder die Mutter, wer auch immer das Unternehmen gegründet hat, er hat eine Entscheidung getroffen und die Anderen haben das umgesetzt. Und dann waren die entweder erfolgreich auf dem Markt oder nicht. Und heute haben wir oft so komplexe Unternehmen. Die haben ja damit angefangen. So zu sagen das in Kleingruppen wieder herunter zu brechen und dann dieses kreative Potential auch zu heben.

 

Sprecher

Es scheint so zu sein, dass in der digitalisieren Arbeitswelt die Ansprüche an ArbeitnehmerInnen höher sind als an die Unternehmen. Helga Jungheim.

 

O-Ton Helga Jungheim

Weil das ist ein mehrschichtiger Prozess. Einerseits fordern wir natürlich mehr Beteiligung ein. Wir fordern Mitgestaltung der Arbeitsbedingungen, der Vorgänge. Auch der Produkte, der ökologischen und ökonomischen Aspekten. Das ist ja auch unsere Lebensumwelt. Die Forderung ist von Unternehmerseite natürlich auch mit dem Gedanken des Hebens dieser Potentiale. Das muss man sagen. Das sind die letzten Ressourcen, die noch nicht komplett genutzt wurden. Und dann letztlich auch die Frage der Bepreisung. Also Digitalisierung als technischer Fortschritt. Wir können sagen: ‚Ok wir wollen Anteile an diesem technischen Fortschritt haben.‘ Und nicht nur, zum Beispiel, was macht jetzt eine Maschine, die die Sachen hebt, wie bei der Mechanisierung oder Technisierung, und dann ist es für uns entlastend - die Konsequenz war ja oft, da wurden die Menschen überflüssig oder bedienten nur noch. Wir wollen auch die Teilhabe am Gewinn. Das ist ja die Lohnforderung. Aber auch an der Zeit, die dadurch gespart wird. Damit auch der Rest der Menschen Arbeit haben.

 

Sprecher

Ver.di hat ja einer der ersten so genannten Digitalisierungs-Tarifverträge abgeschlossen. Helga Jungheim.

 

O-Ton Helga Jungheim

Also das Feld war ja immer schon Lebens- und Arbeitsbedingungen zu gestalten. Zum Beispiel diese REFA-Geschichten, also Arbeitsvorgänge anzugucken, kleinteilig zu betrachten. Dazu gab es dann Regelungen. Mit dem Schutz, dass man bestimmte Arbeitsvorgänge nicht zu sehr kleinteilig bewertet, damit das noch ein Arbeitsvorgang ergibt, der dann auch im Gehaltsgefüge bewertbar ist. Damit man nicht – so zu sagen – immer nur den Arm hebt und senkt, sondern tatsächlich ein richtiges Gewerk, eine komplexe Aufgabe hat. Und jetzt ist der nächste Technisierungsschritt die Digitalisierung. Es gab früher Rationalisierungsschutz-Tarifverträge. Da hat man auch den Begriff Schutz eingebaut. Da ging es darum: Wenn sich sehr schnell etwas wandelt, müssen die Leute unter bestimmten Bedingungen geschützt werden. Man hätte diese Digitalsierungsverträge jetzt auch Digitalisierungsschutzverträge nennen können. Aber das ist eben jetzt nicht mehr en vogue, weil man sich eher unter Beteiligungsaspekte die Sache anguckt.

 

Sprecher

Was steht denn in diesen Digitalisierungs-Tarifverträgen? Helga Jungheim.

 

O-Ton Helga Jungheim

In diesen Verträgen wird zum Teil jetzt versucht zu regeln, was gesetzlich noch nicht geklärt ist. Wie können sich Arbeitnehmer vor zu viel Zugriff schützen? Das wird dann diskutiert. Gibt es Serverabstellzeiten oder so etwas. Wie wird was bepreist? Weil es gibt ja nicht mehr den klassischen Stundenlohn. Es wird in den Projekten ja oft nach dem Ergebnis geschaut. Und dann wird dafür ein Auftrag gegeben. Auch da bestimmte Anteile von Bepreisung – sage ich jetzt einmal – müssen wieder neu beschaut werden. Beteiligungsmöglichkeiten. Zu welchen Zeiten arbeiten wir? Wann machen wir Telefonkonferenz? Weil wir haben fest gestellt in Projekten mit Menschen, die so völlig frei und jung sich da einmal ausleben konnten unter Laborbedingungen: Was brauchen die eigentlich? Und unter Strich ist heraus gekommen, dass die ähnliche Dinge brauchen, wie andere Beschäftigte auch. Nämlich Grenzen. Wie können sie dann diese Grenzen umsetzen? Also wann darf ich auch einmal Nein sagen? Wann ist es zu viel? Wie viel Menge darf abgefragt werden? Unabhängig von den Zeiten. Auch die Intensität. Die Dichte. Mit wem muss ich oder soll ich arbeiten, darf ich arbeiten? Wie sieht es mit den zur Verfügung gestellten Gerätschaften aus? Es gibt ja einmal diese Ergonomie bei Stühlen, Tischen und so weiter. Gibt es aber auch bei den Gerätschaften. Muss ich auf einem Handy arbeiten? Das ist ja ein Minibrettchen. Ganz ganz kleiner Bildschirm. Ergonomisch eigentlich eine Katastrophe. Was muss gegeben sein oder was will ich haben, damit ich da gut arbeiten kann? Auch die Benutzeroberfläche. Man spricht von der Benutzerergonomie auf dem Bildschirm. Ist der total unpraktisch? Macht der mich gaga bis ich da etwas finde? Ja und auch letztlich wieder die unterschiedlichen Qualifikationsniveaus. Denn wenn ich im Team in einem Projekt arbeite, wer kriegt denn da für welche Tätigkeit welches Geld? Also das muss alles neu ausgehandelt werden.

 

Sprecher

Wie können die Gewerkschaften die so genannten digitalen Nomaden zurück gewinnen?

 

O-Ton Helga Jungheim

Das ist, glaube ich, nach Ländern unterschiedlich. Es ist ja die Frage: Wer fühlt sich zuständig? Wenn man jetzt sagen würde: ‚Das sind Nomaden, die aus allen möglichen Ländern der Welt an allen möglichen Orten der Welt unterwegs sind und sich zum Beispiel über eine Plattform irgend einen Auftrag generieren, dann ist die Frage: Wer ist zuständig? Das würde ich jetzt zum Beispiel sagen: Es kommt darauf an. Wo ist diese Plattform angesiedelt? Weil das ist eine direkte Zugriffsmöglichkeit. Also man muss versuchen, an die Plattformenorganisatoren, dass sind ja oft dann statisch Menschen aktiv, da Zugang auch zu kriegen und dann, so zu sagen, auch die Informationen an die Betroffenen weiter zu geben. Ansonsten können wir nur in den einzelnen Ländern jeweils auch für diese Freien, festen Freien, Ich-AGs und kleine Unternehmer Informationen und Beratungsangebote streuen. Und dann sowohl virtuelle wie auch tatsächliche Diskussions- und Treffpunkte organisieren.

 

Sprecher

Die Digitalisierung verändert die Umgangsformen. Wie das? Helga Jungheim.

 

O-Ton Helga Jungheim

Natürlich hier die Umgangsformen von dem Auftraggeber zu dem Mitarbeiter. Der ja im Prinzip ein Mitarbeiter ist, den er nie sieht. Das de-personalisiert natürlich. Das Verhältnis. Die Leute sind nicht vor Ort. Also bei Homeoffice und diesen Formen. Die Leute sind nicht mehr im Betrieb. Da sagen wir auch: ‚Möglichst nicht komplett; möglichst rotierende Zeiten; rotierende Personen, die das machen können. Damit alle, so zu sagen, mit dieser speziellen Form zu tun haben und auch ab und zu wieder in eine Zusammentreffen präsent sind, damit dann auch persönliche Weiterentwicklung, Weiterbildung, Karriere, die ja oft mit Sichtbarsein zu tun hat und auch mit Zuteilung von interessanten Aufgaben – damit die da alle gleich beteiligt dann dabei sind. Aber die Umgangsformen sind einfach über diese schon seit zwanzig, dreißig Jahren stattfindende Neoliberalisierungstendenzen sehr sehr viel rauer geworden. Weil durch das ständige Konkurrenzverhalten, das ständige Selbstoptimieren ist das zum Alltag geworden. Und das entsolidarisiert. Und selbst wenn man dann im kleinen Kreis noch solidarisch ist und ein Teamgefühl aufbaut, ist es aber direkt, so zu sagen, in der Pause oder am nächsten Tag schon wieder weg, wenn es um die Frage der nächsten Zuteilung, der interessanten Aufgabe oder das Ranking geht.

 

Sprecher

Nun bietet die Digitalisierung und die so genannte ‚new work‘ auch Chancen. Wo sind die denn? Helga Jungheim.

 

O-Ton Helga Jungheim

Natürlich ist ja in allem, was sich verändert, immer auch eine Chance. Aber eben auch in allem, was sich verändert, ist natürlich auch immer ein Risiko. Die Frage ist: Kriegen wir das gestaltet? Das sie nicht in rein unternehmerischen Interessen liegt. Dann können wir auch Risiken besser bewerkstelligen. Und diese Risiken erkennen wir ja oft erst im Laufe des Prozesses. Deshalb ist es auch so schwierig jezt zu sagen: 'Wir müssen A, B und C an den Gesetzen ändern.' Ein paar Punkte wissen wir ja: Wie die Arbeitsstättenverordnung, die gar nicht mehr greift. Aber wenn wir so ein Gesetz aufmachen, kommt natürlich die Arbeitgeberseite die sagt: 'Ja klar. Arbeitszeiten. Uraltes Gesetz. Müssen wir dringend ändern.' Da muss man also sehr vorsichtig auch taktieren, an elche Bereiche wir rangehen. Es kann tatsächlich ein Fass ohne Boden sein. Weil, dass wir – so zu sagen – indem wir nicht in die Gegenwehr, sondern ins Mitgestalten. Das wir mit verantwortlich machen. Der Prozess ist eigentlich kaum aufhaltbar. Und trotzdem ist die Frage: 'Wie weit treiben wir ihn mit voran?' Und ich denke, dass ist eine Umbruchsituation. Und da sind ganz ganz viele Menschen gefragt. Und darüber zu diskutieren ist hilfreich. Und das ist die Chance. Das wir uns, so zu sagen, jetzt fraen: 'Wie wollen wir es denn haben perspektivisch?'

 

 

 

Interview Antonio Brandao Guedes

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© Axel Gauster/Nell-Breuning-Haus

 

 

Sende-Manuskript

Interview (Radiofeature) mit Antonio Brandao Guedes

in Herzogenrath/Deutschland Februar 2020

 

 

 

Sprecher

Digitalisierung und psychische Belastung am Arbeitsplatz – ein vernachlässigter Aspekt im sozialen Dialog?‘ So der Titel des europäischen Seminars im Februar 2020 im Nell-Breuning-Haus aus Herzogenrath/Deutschland. Das ist auch für die Organisation zuständig. Zirka fünfzig Teilnehmende aus acht Ländern der Europäischen Union versammeln sich zu diesem Seminar des Europäischen Zentrums für Arbeitnehmerfragen EZA. Gespräche, Theorie, Praxis, Workshops, Länderberichte, Reflexionen und Referate.

Digitalisierung der Arbeitswelt und die Auswirkung auf die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen‘ ist der Titel eines Referats von Antonio Brandao Guedes aus Lissabon, Projektkoordinator für EZA. Das Thema wird in den Ländern der Europäischen Union ganz unterschiedlich wahr genommen. Auch von den Gewerkschaften.

 

O-Ton Antonio Brandao Guedes

Da gibt es natürlich noch grosse Unterschiede zwischen den Ländern. Wir haben hier ja gesehen, die Frau Jungheim hat gesagt, dass man sich bei ver.di schon seit Jahren Gedanken darüber macht und es jetzt auch soweit ist, endlich digitale Tarifverträge abschliessen zu können. Wo hingegen man sich in Portugal oder Spanien noch nicht einmal Gedanken darüber gemacht hat. Da herrscht ein vollkommenes - auch gesetzgeberisches – Vakuum. Es wurde vollkommen vernachlässigt. Da geschieht gar nichts.

 

Sprecher

Nun gibt es die kritische Wirtschaftswissenschaft, die da behauptet, die Digitalisierung sei erfunden worden, um den Mehrwert für Konzerne zu erhöhen. Bei geringerem Einsatz von Arbeitsplätzen.

 

O-Ton Antonio Brandao Guedes

Das muss man von einer anderen Seite aus sehen. Das Problem sind nicht die Arbeitnehmer und die Arbeitnehmerinnen, die immer besseren Gesundheitsschutz und bessere Bedingungen am Arbeitsplatz haben. Es ist ein Problem des Systems. Ein Wirtschaftsproblem. Das heißt die Wirtschaftssysteme und alles, was damit zusammen hängt, Arbeitsabläufe, Arbeitsorganisationen, müssen so gestaltet werden, dass sie eben auf die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen eingehen. Auch in Zeiten der Digitalisierung. Wie ein Architekt, der ein großes System, ein Gebäude, ein Haus baut. Das muss so eingerichtet sein, dass eben diese Bedingungen für die Beschäftigen erfüllt sind.

 

Sprecher

Gesundheit ist ein hohes Gut. Auch in der Digitalisierung. Über die Risiken ist viel gesagt worden. Wo liegen denn die Chancen für die Gewerkschaften in ihrer Schutzfunktion für die Beschäftigten? Antonio Brandao Guedes.

 

O-Ton Antonio Brandao Guedes

Sie sind positiv eingestellt. Sie sagen – dass es viele neue Möglichkeiten gibt. Man muss diese Möglichkeiten aber auch richtig nutzen. Man kann die Digitalisierung nicht aufhalten. Und sie kann zu Gunsten der Beschäftigten wirken.Man kann viel stärker gesundheitsfördernde Maßnahmen ausarbeiten und integrieren. Aber es braucht auf jeden Fall – und das ist auch wichtig für die Gewerkschaften – einen Übergangszeitraum. Man muss sich den verschiedenen Entwicklungsrhythmen anpassen, um neue Arbeitsschutzmaßnahmen einführen und anwenden zu können. Die Zeit muss man sich nehmen und die muss auch gegeben werden.

 

 

 

Fotos: Axel Gauster © 2020 Nell-Breuning-Haus / Axel Gauster