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URHEBERRECHTLICHER HINWEIS

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig.

© Nell-Breuning-Haus, Herzogenrath

 

Sende-Manuskripte

Interviews (Radiofeature von Axel Gauster)

in Herzogenrath/Deutschland April 2016

 

... Interview Angela C. Reinhardt Angela C. Reinhardt 2016 Radiofeature Sendemanuskript

... Interview Sabine Verheyen / Norbert Klein Sabine Verheyen 2016  Norbert Klein 2015 Radiofeature Sendemanuskript

 

Fotos: Axel Gauster © 2016 Nell-Breuning-Haus

 

Anmerkung (9. Juli 2017): Angela C. Reinhardt heißt jetzt Angela Christine Suchan-Reinhardt.

 

 

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Sende-Manuskript

Interview (Radiofeature von Axel Gauster) mit Angela C. Reinhardt

in Herzogenrath/Deutschland April 2016

 

 

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Konflikte gehören zum Leben. Und Konflikte sind auch wichtig für die Entwicklung einer Gemeinschaft und einer Gesellschaft. Wir sind aber so erzogen in der Regel, dass wir Konfliktvermeidungsstrategien entwickeln. Streitet euch nicht. Zankt euch nicht. Das ist das, was unsere Eltern uns mitgeben. In der Schule muss man auch ganz nett und harmonisch miteinander umgehen. Und das macht einen Konflikt mit uns selber, weil unser innerer Trieb uns eigentlich keine Sorge vor Konflikten bereitet. Aber wir bekommen es anerzogen, dass Konflikte negativ belastet sind.

 

Sprecher:

Sagt Angela C. Reinhardt, Betriebspädagogin von der Business Health Consulting aus Übach-Palenberg. Als Hauptreferentin sind ihre Themen nonverbale Kommunikation, Sinne und Wahrnehmung, Zeit-, Aufgaben- und Selbstmanagement, Konflikte am Arbeitsplatz und die Grundlagen der Mediation. Theorie, Praxis, Übungen. Der Rahmen: die zweite Schulungsveranstaltung im Gesamtprojekt 'Arbeitswelt 2020' im April 2016. Teilnehmerinnen aus Belgien, Estland, Italien, Polen, Rumänien und Deutschland haben sich für einige Tage versammelt. Alle kommen aus alten- und krankenpflegerische Berufe. Hauptveranstalter dieses Erasmus Plus Projektes ist das Nell-Breuning-Haus aus Herzogenrath. Unterstützt von Europäischen Zentrum für Arbeitnehmerfragen EZA aus Königswinter.

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Mit Sicherheit hat die Kultur oder der Umgang mit Konflikten in der jeweiligen Kultur ganz große Auswirkung auf eine Gemeinschaft. In vielen Kulturen gibt es unterschiedlichste Ansätze, um mit Konflikten umzugehen. Und gerade in der globalisierten Welt jetzt merken wir es ganz oft, wenn wir internationale Teams haben, was es da für ein Konfliktpotential gibt, der kulturell bedingt ist.

 

Sprecher:

Wir alle wollen Zeit und Aufgaben so gut wie möglich managen. Und es gibt verschiedene Möglichkeiten, um das zu machen. Zum Beispiel die to-do-list, die abc-Liste, die Eisenhower-Methode oder auch die ALPEN-Methode. Bei der steht vor allem der Zeitpuffer im Mittelpunkt. Wie geht das? Angela Reinhardt.

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Die ALPEN-Methode ist eine sehr etablierte Methode zum Zeit- und Aufgabenmanagement. Und ALPEN steht für ein Analgram: Für A – das sind die Aufgaben, die man notiert. L – das ist die Länge zu schätzen. P – das ist der Puffer einzubauen. E – steht für Entscheidungen treffen und N – für die Nachkontrolle. Man kann mit Aufgaben sehr systematisch umgehen, wenn man viele Aufgaben bewältigen muß. Das man sie einfach nach einem gewissen Zeitschema ordnet. Das hat etwas mit einer Bedarfsplanung zu tun. Man überlegt sicht schon vorher sehr genau – wie lange könnte es dauern. Und dann plant man auch einen Puffer ein. Warum planen wir den ein? Wir gönnen uns in der Regel keine Pausen. Arbeiten gerne durch. Ja. Wir können auch noch mehr erledigen. Ach ja – und da haben wir ja auch noch zehn Minuten und die packen wir auch noch voll. Der Puffer dient einfach zur Selbstreflexion. Sehr selten bleibt er übrig und man hat wirklich mehr Zeit als man denkt. Den Puffer einzuplanen ist ein Muß in der ALPEN-Methode. Und man trifft die Entscheidung, welche Aufgabe man wann bewältigt und in welchen Umfang.

 

Sprecher:

Eine strategische Zeit- und Aufgabenplanung also. Sehr streng aber wirkungsvoll. Angela Reinhardt.

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Ganz wichtig bei der ALPEN-Methode ist aber neben dem Puffer auch die Nachkontrolle. Die vernachlässigen wir nämlich auch sehr gerne. Abends einmal nachsehen, wie viele Aufgaben wir wirklich bewältigt haben – das gönnen wir uns nicht, weil wir schon mit dem nächsten Tag beschäftigt sind. Aber wenn jeder einmal für sich zurück blickt, was er so an einem Tag alles stämmt und schafft und gut meistert, dann kann man abends sehr stolz auf sich sein und geht mit einem guten Gefühl ins Bett und in den nächsten Tag.

 

Sprecher:

Ich entscheide über den Konflikt. Mein Gegenüber kann ja auch negativ reagieren oder konfliktreich Streit suchen, wenn ich gar nicht reagiere. Oder den Konflikt nicht suche. Und das kann das sogar noch verstärken oder verschlimmern. Das Risiko muß man ja wohl dann eingehen?

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Ja genau. Da kommen wir jetzt sogar auf den allerersten Vortrag von mir zurück. Da ging es ja auch um Kommunikation, um nonverbale Kommunikation. In diesem Zusammenhang ging es auch um Sinne und Wahrnehmung. Und es ist in der Tat so, daß wir selber entscheiden, ob wir in einen Konflikt kommen oder nicht. Aber berücksichtigen muß man auch nach Herrn Watzlawick – man kann nicht – nicht - kommunizieren. Das heißt auch das nicht Eingehen auf einen Konflikt ist eine aktive Entscheidung, die eine kommunikative Information an das Gegenüber vermittelt. Und in der Tat ja – daß kann natürlich auch provozieren. Und es kann sogar ganz bewußt provokativ eingesetzt werden. Man kann es auch benutzen.

 

Sprecher:

Nonverbale Kommunikation kenne ich unter den Menschenaffen. Die sind ja Meister auch im Erkennen und im Zeigen von nonverbaler Kommunikation. Wie ist das denn mit den Menschen?

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Nonverbale Kommunikation ist die hauptsächliche Art wie wir kommunizieren.Sprache ist erst wenige tausend Jahre alt. Und wir kommunizieren ja schon seit viel längerer Zeit. Also unsere Vorfahren haben ja schon mit Lautäußerungen kommuniziert und ja, wir sehen auch bei den Menschenaffen und unseren Vorentwicklungsstufen – die haben auch miteinander kommuniziert, obwohl sie keine Sprache hatten.

 

Sprecher:

Und wie läuft die bei uns Menschen ab? Angela Reinhardt.

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Nonverbale Kommunikation benutzen wir meistens unbewußt. Unser Unterbewußtsein informiert unser Gegenüber schon recht früh über das, was wir eigentlich sagen wollen. Und auch wenn die Worte nicht über einander passen mit unserer nonverbalen Kommunikation, merkt das unser Gegenüber sehr schnell. Und zwar nicht unbedingt bewußt. Aber sein Unterbewußtsein versteht unsere unterbewußte nonverbale Kommunikation auf den ersten Blick. Das ist das, was den Menschen und die Tiere und die Pflanzen ausmacht, weil wir ja schnell kommunizieren müssen, um zu überleben und um unsre Art zu erhalten.

 

Sprecher:

Die Macht und Kraft des Unbewußten lebt. Ist ein Konflikt nun aber unausweichlich, so gibt es verschiedene Wege – ihn zu lösen. Zum Beispiel mit der so genannten flight or flight Strategie. Also: Angriff oder Flucht und als dritter Weg das "sich tot stellen". Was macht das mit unserer Gesundheit?

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Das ist ein Teil, den ich hier am Rande erwähnt habe. Da geht es letztendlich um Stressprävention. Wie gehe ich mit Stress um. Um zu wissen, wie man zum Beispiel mit Stress vernünftig umgehen kann und dabei auch noch gesund bleibt, ist es wichtig, daß man erkennt, daß wir eigentlich sehr durchsichtig funktionieren. Stress löst auf unserem Körper Symptome aus. Wir reagieren körperlich. Und in der Tat ist es auch so – und mittlerweile ja auch allgemein anerkannt: Stress macht krank. Und die Reaktion, die wir wählen, oder die Art und Weise, wie wir auf Konflikte zum Beispiel reagieren, kann auf lange Sicht krank machen. Man weiß das im Bereich von mobbing oder anderen gruppendynamischen Prozessen, daß die Menschen wirklich Krankheitssymptome haben. Veränderungen im Stoffwechsel. Veränderungen im Hormonhaushalt.

 

Sprecher:

Positive Konfliktwirkung wird auch gerne mit dem Wort Konkurenz gleichgesetzt. Vor allem in der global geprägten Wirtschaftswelt. Und das färbt zunehmend auf das gesellschaftliche und private Leben ab. Angela Reinhardt.

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Also es ist so, daß wir sehr genau wissen, daß Konflikte nicht negativ sind. Also das ist, wie gesagt, eine Erziehungssache in erster Linie. Jede Veränderung bedarf erst einmal einen gewissen Leidensdruck, um dann in einen Konflikt zu gehen. Das heißt man hat eine Situation, man erträgt diese Situation oder man hält sie aus. Aber irgendwann wächst der Leidensdruck und man entscheidet sich dazu, eine Veränderung zu machen und in den Konflikt aktiv oder auch unbewußt einzutreten. Dieses Vorgehen ist ein sehr Konstruktives. Man kommt in Kontakt mit dem Anderen. Man hört den Anderen. Man hört ihm zu. Und der Konflikt hat eine positive Wirkung. Diese Wirkung ist nicht nur den Forschern heute bekannt, sondern Unternehmer und sehr klevere Leute – vor allem Vertriebsleute – wissen das schon lange, daß Konkurenz – also Konflikte unter Mitarbeitern – Konflikte aktiv säen oder ein Wettbewerbssystem unter den Mitarbeitern etablieren, dazu führt, daß die Leistung steigt. Es ist also ein produktives Ergebnis, was man aus einer gewünschten Konfliktsache heraus bildet. Und das ist der positive Effekt, den sich manche Leute zu nutze gemacht haben. Allerdings scheint er in unserer Gesellschaft mittlerweile gekippt.

 

Sprecher:

Genau. Gewerkschaften mögen diese Verknüpfung von positiver Konfliktwirkung und Konkurenz gar nicht. Können Meetings oder Verhandlungen am runden Tischen zum Beispiel wegen versteckter Konflikte scheitern? Gibt es da Erfahrungen? Angela Reinhardt.

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Es ist wahrscheinlich eines der häufigsten Probleme. Denn Sachprobleme sind wir durchaus in der Lage zu lösen.Der meiste Anteil der Kommunikation ist ja nonverbal und unbewußt. Und unser Unterbewußtsein lenkt uns ja auch durch unser Leben. Wenn wir alle unsere komplette Gefühlslage, Emotionen, Erinnerungen und so weiter außer acht lassen würden und nur noch über Sachliches uns besprechen würden, würden wir immer zu einer tollen Lösung kommen. Aber unsere Emotionen führen uns und leiten uns. Und machen das Leben ja auch spannend. Ich denke, auch genau da ist es ganz interessant, wenn man soche Gemeinschaften oder solche Diskussionen beobachtet, daß die Leute sich sich mit einander auseinander setzen können. Und das macht macht uns Menschen ja auch aus. Das wir vielleicht versuchen, unsere wahren Gefühle zu verstecken oder das sie doch irgendwie erkannt werden. Und jeder kennt das: Man hat Kontakt mit Leuten wo man sagt: der hat den ganzen Abend gelacht, aber richtig fröhlich war der nicht. Also der hat nonverbal irgendwie versucht zu lächeln, man hat gemerkt, seine Stimmung entsprach gar nicht seinem Äußeren Bild. Und wir spüren das sehr genau. Und gerade in Verhandlungen, wenn Leute wirklich an einem Tisch sitzen und mit einander auf einen Konsens kommen sollen, dann spielen diese ganzen Empfindungen eine riesengroße Rolle.

 

Sprecher:

Versöhnung sollte ja am Ende einer Konfliktlösung stehen. Jenseits der Sachebene. Hin zum menschlichen und zum sozialen Miteinander. Angela Reinhardt.

 

O-Ton Angela C. Reinhardt:

Wir werden das jetzt im letzten Teil noch besprechen. Da geht es ja um die Lösung. Was gibt es für Möglichkeiten, um Konflikte zu lösen. Und die Versöhnung - ja - auch nonverbal das Handschütteln am Ende. Das sich Zunicken. Das Zustimmung signalisieren ist etwas ganz Wichtiges in unserer Gemeinschaft. Und ist auch kulturell sehr wichtig. Übrigens übergreifend in allen Kulturen. Die Versöhnung an sich sollte genau so autentisch sein wie unser Leben. Nämlich unser Unterbewußtsein und unser Bewußtsein auf einen Nenner bringen. Weil dann wirkt es echt. Dann ist es auch echt. Und dann gehen wir auch wirklich ruhig und gelöst aus einen Konflikt. Das ist das Schönste, was man sich wünschen kann, daß alle Menschen am Ende friedlich zusammen sitzen und den Konflikt als etwas Bereicherndes empfunden haben und nicht als etwas Zerstörendes.

 

 

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© Nell-Breuning-Haus, Herzogenath

 

Sende-Manuskript

Interview (Radiofeature von Axel Gauster) mit Sabine Verheyen/Norbert Klein

in Herzogenrath/Deutschland April 2016

 

 

Sprecher:

Im Jahre 2030 stehen die psychischen Erkrankungen auch durch Arbeit an erster Stelle aller Erkrankungen weltweit. Das sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahre 2000. Da müssen sich die europäischen Politiker mit ihren Vorschlägen für einen besseren Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz aber beeilen, damit es nicht so weit kommt. Sabine Verheyen, Europaabgeordnete der EVP.

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Wir versuchen ja schon über viele Maßnahmen von europäischer Seite zum Teil auch Vorgaben zu machen, Arbeitsbedingungen, Rahmenbedingungen auch zu verbessern. Das Problem, das wir oft haben, ist die Frage der Umsetzung. Wie wird das in den einzelnen Mitgliedsstaaten auch konkret umgesetzt. Wie ernst nimmt man diese Themen. Es gibt ja auch neben den psychischen Erkrankungen wie burnout ja auch noch die körperlichen Belastungen. Da sind wir eigentlich relativ weit gekommen mittlerweile. Bei den psychischen Erkrankungen sieht das teilweise noch etwas schwieriger aus.

 

Sprecher:

Psychische Erkrankungen durch Arbeit sind schwierig zu fassen. Vor allem auch das so genannte burnout. Keine Krankheit an sich – sondern ein Strauß von Symptomen für eine seelsiche Erkrankung. Es gibt viele Ursachen und Alles ist mit Allem verbunden.

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Wodurch wird das burnout verursacht jeweils im einzelnen Fall. Ist es die Kombination aus der Anforderung aus dem Beruf in Kombination auch mit Anforderung im privaten Bereich. Wie kriege ich – ich sage einmal – Stabilität auch im familiären Umfeld gehalten. Und dann natürlich auch der Druck, immer mehr leisten zu müssen in einer immer kürzeren Zeit.

 

Sprecher:

Sagt Sabine Verheyen, Europaabgeordnete, Koordinatorin und Sprecherin der EVP-Fraktion im Ausschuss für Kultur und Bildung (CULT) aus Straßburg. Aber vor allem ist sie Patin des Projekts “Arbeitswelt 2020“ – psychosoziale Folgen des Strukturwandels der Arbeit im europäischen Vergleich – effiziente Instrumente für eine Salutogenese in KMU des Gesundheitswesens“. So heißt das ganz offiziell. Dieses Projekt ist Teil des Programms Erasmus +, das eben dieser Ausschuss – Kultur und Bildung – betreut. Und in diesem Rahmen "Arbeitswelt 2020" gibt es im Nell-Breuning-Haus aus Herzogenrath Schulungsveranstaltungen.

 

Teilnehmerinnen aus Belgien, Estland, Italien, Polen, Rumänien und Deutschland sind versammelt. Alle kommen aus alten- und krankenpflegerische Berufe. Hauptveranstalter dieses Erasmus Plus Projektes ist das Nell-Breuning-Haus aus Herzogenrath. Unterstützt vom Europäischen Zentrum für Arbeitnehmerfragen EZA aus Königswinter.

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Das ist natürlich auch gerade in solchen Berufen, wo ich auch viel Persönliches mit einbringen muß, wie im Pflegeberuf, eine unwahrscheinlich große Belastung. Wir stürzten uns heute, teilweise auch in der Pflege, mehr darauf, daß alles möglichst dokumentiert ist und möglichst viele Formulare ausgefüllt werden. Was auf der einen Seite richtig und wichtig ist, um irgendwo eine auch Überprüfung zu haben – werden die Patienten, werden die alte Leute adäquat versorgt und auch nachvollziehen zu können, was ist gelaufen. Aber – ich sage einmal – manchmal überziehen wir es an der Stelle auch zu Lasten der Zeit, die auch bleibt, sich wirklich auch mit dem Patienten im zwischenmenschlichen Bereich ein Stück mehr auseinander zu setzen. Den Menschen nicht nur als das Wasser Nummer Drei in Raum fünfundvierzig zu sehen, sondern eben Frau Müller, die den Anspruch hat, nicht nur das Wasser hingestellt zu kriegen, sondern womöglich auch einmal freundliche Worte bekommen muß, damit sie das dann auch trinkt, was man ihr hinstellt. Eben diese Belastung, die aus diesem zeitlichen Druck, aus diesen Anforderungen entsteht, führt bei Manchen halt dazu, das sie diese für sie selber auch wichtige menschliche Auseinandersetzung mit dem Thema, das da ist, oft nicht haben, nicht leisten können. Und das führt natürlich dann auch schneller durch eine permanente emotionale oder psychische Überforderung auch schneller zum burnout.

 

Sprecher:

Das Schulungsprojekt im Nell-Breuning-Haus zum Rahmen Arbeitswelt 2020 läuft seit über einem Jahr.

 

O-Ton Norbert Klein:

Was wir ja jetzt auch in diesem Projekt hier gesehen haben, ist das diese Belastungen ja sehr konkret auch sind und sich sehr konkret manifestieren. Sehr unterschiedliche Voraussetzungen in verschiedenen Ländern auch da sind und es deswegen wichtig ist, nicht nur so zu sagen bei den Pflegekräften und bei denen, die für Pflege verantwortlich sind in den einzelnen Einrichtungen, anzusetzen, sondern eben auch auf die Rahmenbedingungen zu schauen.

 

Sprecher:

Sagt Norbert Klein von der wissenschaftlichen Sektion im Europäischen Zentrum für Arbeitnehmerfragen EZA aus Königswinter. Und die Rahmenbedingungen werden gesetzt durch ...

 

O-Ton Norbert Klein

... von Politik und Gesetzgeber. Da muß es Verbesserungen geben, um dieser Rate von psychichen Erkrankungen, die erwartet wird, entgegen zu wirken und Prävention auch zu schaffen. Und andererseits sind sicherlich auch die Sozialpartner gefordert, wo es um sehr konkrete Dinge dann auch geht. Es nützt ja nichts, wenn man für die psychische Gesundheit, Entspannungstechniken, all das inividuell kann, aber gar nicht während der Arbeitszeit zum Beispiel die Pause dafür hat, um genau das auch anzuwenden. Und das so zu sagen im Alltag dazu führen kann, dass tatsächlich auch diese Entlastung berufsbegleitend erfolgt, und nicht erst dann, wenn so zu sagen erst ein Schadensfall eingetreten ist.

 

Sprecher:

Aus diesem Schulungsprojekt im Rahmen von Arbeitswelt 2020 wird für das Erasmus + Programm eine Handlungsempfehlung an die entsprechenden europäischen Politiker entstehen. Sabine Verheyen.

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Zum Einen ist es so, daß man, sobald man das hat, dass auswerten muss. Das wird ja auch in der Politik dann entsprechend in die fachpolitischen Gremien weiter gereicht. In die Ministerien vor allem auch, die dann auf Grund der Erfahrungen aus diesem Projekt, aber auch auf Grund von Erfahrungen in anderen Projekten eine Zusammenstellung machen von Notwendigkeiten, die eventuell auch erkannt werden und die dann politisch entweder in Form von Veränderungen von Gesetzgebung und von Rahmenbedingungen umgesetzt werden. Ich bin gespannt was kommt. Woraus sich Handlungsempfehlungen auch auf europäischer Ebene ergeben können.

 

Sprecher:

Der Gesundheitssektor ist ja sehr national geprägt. Und es gibt unterschiedliche Entwicklungen in den EU-Mitgliedsstaaten. Zum Beispiel in der Berufsausbildung. Sabine Verheyen.

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Das was wir in Europa gewährleisten können im Moment ist eigentlich nur der Austausch und, ich sage einmal, eine Bewertung der Qualifikationergebnisse oder der Anforderungen in bestimmten Berufsbildern, um europäischen Binnenmarkt Arbeitsplätze auch zu ermöglichen. Das heißt eine Auswertung zu machen: Wo sind welche Ausbildungsstrukturen, Qualifikationen in welchen Land mit welchen Berufsbild verbunden. Ubd ds auch überein zu bringen. Ich denke, daß hier auch einige Dinge notwendig sind, die dann in die nationalen Ausbildungsstrukturen und Lehrpläne dann auch umgesetzt werden müssen. Aber was wir machen können ist halt eben in unseren Empfehlungen, in unseren Initiativberichten, in den Empfehlungen an die Mitgliedsstaaten dann auch entsprechend auf zu nehmen. Und vor allem solche Projekte wie dieses hier auch in Zukunft weiter zu fördern und diesen Austausch zwischen den Ländern, das von einander Lernen auch weiter zu ermöglichen.

 

Sprecher:

Das heißt dann ganz konkret für die gesetzliche Umsetzung ...

 

O-Ton Sabine Verheyen:

... sind dann ausschließlich die Mitgliedsstaaten zuständig und das ist bei allen Berufsqualifikationen, Bildungsgeschichten so. Wir haben zwar eine Berufsanerkennungs-, eine Berufsqualifikationsrichtlinie, Anerkennungsrichtlinie. Die soll aber im Endeffekt nur regeln: Welche Qualifikationen müssen am Ende einer Ausbildung vorhanden sein. Welche sind vergleichbar. Wie sind sie vergleichbar, damit zu Beispiel jemand, der eien Ausbildung in einem anderen Land genossen hat, eine Anerkennung auch dieser Ausbildung in einem anderen Mitgliedsstaat bekommt. Damit die Idee, die hinter der Freizügigkeit ist, daß man sich, egal wo in Europa, einen Arbeitsplatz suchen kann, eben auch realisiert werden kann.

 

Sprecher:

Arbeitswelt 2020 ist ja auch in die Zukunft gerichtet. Der Begriff Salutogenese scheint sich ja nun doch allmählich durchzusetzen. Der ist sehr eng auch zuerst einmal gekoppelt an den Begriff Arbeit. Heute gibt es viele unterschiedlich Lebensformen und Arbeitsformen. Wird so etwas auch berücksichtigt?

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Also wir sehen schon, daß das Ehrenamt ein ganz ganz wichtiger Bestandteil auch der Betätigung ist und auch der Identifikation für einen selber. Man definiert sich ja nicht nur über das, womit man seine Brötchen verdient, sondern auch über all die anderen Tätigkeiten, die man hat. Auch im ehrenamtlichen Bereich. Wir haben allerdings in vielen Bereichen eine sehr starke Fokusierung auf die Berufstätigkeit, auf die Erwerbstätigkeit. Und dann sind wir wieder beim Brötchen verdienen. Und erstes Ziel muß zunächst einmal auch sein, daß wir in diesem Bereich Arbeitsbedingungen so schaffen, daß eine gewisse Zufriedenheit mit dem, was man in diesem Feld tut, da ist. Also wenn Qualität von Arbeit, und damit auch Qualität vieler Stunden meines Lebens, nicht mehr gewährleistet ist, das heißt auch die Rahmenbedingungen auch für Arbeit nicht mehr so sind, daß ich auch, ja ich sage einmal, auch eine gewisse Zufriedenheit über meine Berufstätigkeit selber bekommen kann und ich quasi davon abhängig bin, ehrenamtlich noch irgend etwas zu machen, was mir meine Bestätigung oder meine Lebensqualität ein Stückchen aufwertet, dann haben wir irgendwo, ich sage einmal, in auch dieser oft zitierten work-life-balance ein Riesenproblem. Denn ich denke schon, das Arbeit nur wirklich gut gemacht werden kann, wo auch eine gewisse Begeisterung und Freude auch bei der Arbeit noch da ist. Wenn ich etwas mit Freude und mit Begeisterung tue, dann mache ich es in der Regel besser. Ich denke, daß auch ökonomisch gesehen nachher die auch deutlich erhöht ist, wenn ich etwas mit Freude tue und die Rahmenbedingungen stimmen. Und da müssen wir schon noch eine ganze Menge mehr tuen, als das in der Vergangeheit der Fall war.

 

Sprecher:

Es gibt den Begriff der so genannten Tätigkeitsgesellschaft. In der sind verschiedene Formen der Arbeit auf gleicher Augenhöhe. Erwerbsarbeit ebenso wie ehrenamtliche Arbeit oder private Kinderbetreuung zum Beispiel. Norbert Klein.

 

O-Ton Norbert Klein:

Also ich glaube schon, daß diese ehrenamtliche Tätigkeit, auch das was Erziehungsarbeit leistet, all das zur Arbeit mit dazu gehört. Es gibt ja Organisationen wie die KAB, die von der Tätigkeitgesellschaft sprechen und eben auch gar nicht mehr in dieser Frage unterscheiden. Und in all diesen Bereiche ist natürlich Salutogenese wichtig. Natürlich ist es auf der anderen Seite etwas schwieriger, so etwas im privaten Bereich oder da, wo es eben dann auch nicht mehr diesen Rahmen hat wie am Erwerbsarbeitsplatz, auch umzusetzen. Gleichwohl, glaube ich, daß das Thema schon auch in Zukunft eine große Rolle spielen wird, auch diese Arten von Arbeit, diese Tätigkeiten auch salutogenetisch zu sehen. Aber vielleicht ist es auch so, daß Salutogenese in dem einen Bereich auch zu Salutogenese in den anderen Bereichen führen kann. Also es kann sich ja auch sehr stark übertragen. Und ist natürlich auch noch einmal eine wichtige Dimension. Außerdem, daß möchte ich jetzt noch einmal sagen, auch zu dem, was Frau Verheyen gerade eben dargelegt hat, ist in der Tat diese Qualität der Arbeit das Wichtige. Wir sprechen von guter Arbeit. Gewerkschaften sprechen von guter Arbeit und meinen damit gute Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen. Aber eben auch die Frage der eigenen Selbstverwirklichung, der Motivation. Und auch das gehört alles mit dazu. Und in sofern ist gerade eine gute Arbeit, eine gute Qualität der Arbeit auch in der Pflege ein ganz wichtiger Bereich, der sich auch dann wieder auf die zu betreuenden Personen ja wieder überträgt. Wenn sie eben sehr zufrieden sind mit ihrer eigenen Aufgabe und da wahrnehmen können, dann kann es sogar sein, daß es zu Salutogenese bei den zu Betreuenden führt.

 

Sprecher:

Zu den Sozialpartnern gehören auch die Unternehmer. Der Gesundheitssektor ist in allen europäischen Staaten ein wachsender Markt. Es gibt viel Konkurrenz und Kostendruck. Beziehen sie die Unternehmerschaft in ihre Überlegungen mit ein? Das sie auch von sich aus einfach den Mehrwert sehen, wenn sie sich mehr um ihre Leute und um ihre Arbeitsplätze kümmern? Oder ist das ganz Außen vor? Sabine Verheyen.

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Also das kann gar nicht Außen vor sein. Weil, ich sage einmal, zur Gestaltung eines Arbeitsplatzes, das kann ich nicht nur über die Arbeitnehmerschaft machen. Ich brauche immer auch den Arbeitgeber, die Sozialpartner auf beiden Seiten mit dazu. Ds heißt man muß auch natürlich auch im Auge behalten, was ist im Endeffekt auch für den Träger einer Einrichtung nachher wirtschaftlich umsetzbar und was nicht. Die Frage ist ja: Wie kann ich unter den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die ich habe – entweder muß ich sie ändern, wenn ich erkenne, daß mit den Finanzmitteln, die ein Träger auch zur Verfügung hat eine Verbesserung der Situtation nicht zu erzielen ist. Dann muß ich natürlich auch überlegen, wie viel kann ich im Endeffekt in das System mehr mit reingeben. Muß man auch ganz klar sagen: Wunderbare Geldvermehrung haben wir in keinem Bereich. Das heißt alles das, was wir an Mehr in diesem Bereich reinpumpen, muß ich woanders wieder wieder herholen. Und sei es über die Sozialbeiträge, die der Arbeitnehmer dann im Endeffekt auch wieder im System mit einzahlen muß. Und da die richtige Balance zu finden ist, glaube ich, ganz wichtig.

 

Sprecher:

Und was ist jetzt mit den arbeitenden Menschen im Gesundheitssektor? Sabine Verheyen.

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Die Frage, die man natürlich stellen muß, ist – bei privaten Trägern auch: Wie hoch ist wirklich der Einsatz der Mittel, die erwirtschaftet werden, in das Unternehmen, in die Arbeitnehmerschaft. Und wie hoch ist die Renditeerwartung, die dahinter steckt. Und dann muß man natürlich sehen, daß man auf Dauer nur dann ein funktionierendes System schafft, wenn man sich seine Arbeitnehmer, die Hauptträger des Erwerbs, des Unternehmens sind, nicht kaputt fährt.

 

Sprecher:

Nun ist ja das Gesundheitswesen auch im öffentlichen Bereich vertreten. Zum Beispiel städtische oder kommunale Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen. Und die machen ja mittlerweile auch eine Gewinn- und Verlustrechnung und Kostenanalyse. Sabine Verheyen.

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Auch eine Entwicklung, die wir nicht nur in privaten Institutionen und Einrichtungen sehen, sondern eben auch in öffentlichen. Durch den hohen Kostendruck, auch durch Krankenkassen, durh Pflegekassen. Auch durch die demographische Entwicklung, die wir haben. Man muß irgendwo eine Balance finden auch zwischen der Belastung, die auf die junge Generation in Zukunft zukommt und dem was, ich sage einmal, durch den demographischen Wandel und durch die Verschiebung in der Alterspyramide entsteht. Wie man diese Probleme angeht, das ist also eine extrem vielschichtige Geschichte. Und da gehören immer alle Partner mit an den Tisch.

 

Sprecher:

Der runde Tisch. Und der muß in der heutigen Zeit sehr groß sein. Sabine Verheyen.

 

O-Ton Sabine Verheyen:

Sowohl die Pflegenden als auch Vertreter der Patienten. Was sind eigentlich die Erwartungen von, ich sage einmal, von Patienten und Familien an Pflege. Was ist über die Finanzierungssysteme zur Zeit leistbar. Wo müssen Stellschrauben anders gestellt werden. Wir wissen selber, daß vor uns eigentlich noch der größte Batzen steht. Wir werden immer älter. Die Frage ist, ist die Leistungfähigkeit auch bis ins hohe Alter dann gesteigert oder nicht. Oder wie muß ich auch in der Rentenstruktur etwas verändern, damit ich dem auf Dauer gerecht werde. Denn eins ist ganz klar: Immer weniger junge Leute werden auf Dauer nicht die große Anzahl der Älteren komplett schultern können in der Form, wie es in der Vergangenheit funktioniert hat, als dieser Generationenvertrag mit der Pyramide noch funktionierte. Im Moment sieht das ein bißchen so aus wie so eine geradere Wand, die an der Seite ensteht. Hier müssen wir wirklich aufpassen, daß wir im Endeffekt über das, was wir im Bereich der Altenbetreuung haben, nicht dann nachher die junge Generation dann noch früher in den burnout treiben, weil dann halt die eigene, persönliche Altersvorsorge mit dem, was in die gemeinschaftliche Rentenvorsorgung reinkommen muß und der Arbeitsleistung, der workload, der über die Arbeit selbst entsteht, daß man da nicht komplett auf dem Zahnfleisch geht.